2006

Johann Heinrich Hasselhorst (1825-1904): Brand in Hattendorf

2006Raubkunst! Vor genau 20 Jahren wurde das Gemälde von Johann Heinrich Hasselhorst erworben

Johann Heinrich Hasselhorst (1825-1904) gehörte zu den Malern, die häufig die Schwalm besuchten und dort Motive für ihre Gemälde und Zeichnungen fanden. Hasselhorst hatte es nicht weit in die Schwalm: Er war von 1860 -1895 ein sehr beliebter Zeichenlehrer an der Kunstschule im Frankfurter Städel. 1888 zum Professor ernannt, bildete er zahlreiche junge Künstler aus und nahm sie zu Exkursionen auch in die Schwalm mit. Er malte bevorzugt Genreszenen. Das Gemälde „Brand in Hattendorf“ wurde vom Künstler nicht verkauft, sondern gelangte als Teil seines Nachlasses in die Hände seiner Tochter Auguste Scheuer-Hasselhorst in Frankfurt. Sie verkaufte nach und nach die Bilder ihres Vaters, vor allem in den 1930er Jahren.

2006/2007 war dieses Bild Teil der Affäre um den ehemaligen Bürgermeister Herbert Diestelmann in Alsfeld. Diestelmann erwarb 2006 sechs Gemälde und eine Abendmahlskanne für insgesamt ca. 168.700€ von einem Kunsthändler – ohne Rücksprache mit den zuständigen Gremien der Stadt Alsfeld. Wie sich herausstellte, waren die gezahlten Preise für die Gemälde völlig überzogen. Den Ankaufsbetrag entnahm er dem Nachlass Ilse Riechers (1910-2005), einer ehemaligen Oberstudienrätin an der Landwirtschaftsschule in Alsfeld. Sie hatte sowohl der Stadt Alsfeld als auch dem Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes in Alsfeld ihr Vermögen je zur Hälfte vermacht. Der Anteil der Stadt sollte zur Heimatpflege und Förderung des Brauchtums verwendet werden.

Die Überführung des Anteils der Stadt Alsfeld in den städtischen Haushalt erfolgte allerdings erst 21 Monate nach ihrem Tod mit der Beschlussfassung des Magistrats über die Nachtragshaushaltssatzung am 13.12.2006. In der Zwischenzeit hatte jedoch Bürgermeister Diestelmann bereits eigenmächtig über den Erbteil verfügt und 2005/2006 die Abendmahlskanne und die sechs Gemälde aus dem Kunsthandel erworben. Dabei wurden zwischen dem Kunsthändler und dem Bürgermeister mehrere Rechnungen und Schecks hin- und hergeschoben. Nachdem dies bekannt geworden war, kam es zu einem politischen Skandal in Alsfeld und zur Abwahl des Bürgermeisters im Mai 2007.

Die bittere Ironie der Geschichte: Bei diesem Gemälde handelt es sich um „Raubkunst“. Es gehörte in der Zeit des Nationalsozialismus dem verfolgten jüdischen Sammler Julius Rosenberg.

Julius Rosenberg (1870-1942) war ein Frankfurter Fabrikant. Er war unverheiratet und kinderlos und wohnte mit seiner Schwester Rika (1862-1942) zusammen. Rosenberg war Gesellschafter der Firma Naxos Schleifwarenfabrik Burkard & Co. in Frankfurt, die Schleifscheiben herstellte. Die Firma war 1888 von seinem Vater und dem nichtjüdischen Fabrikanten Burkard gegründet worden. Beide Gründer gaben 1920 ihre Anteile an ihre Kinder weiter. Die jüdischen und die nichtjüdischen Anteilseigner besaßen je 50% der Firma.

Im April 1938 setzte die Deutsche Arbeitsfront, eine Organisation der NSDAP, zwangsweise einen kommissarischen Verwalter ein, der den Verkauf des Anteils der jüdischen Eigentümer in die Wege leiten sollte. Die Firma Naxos wurde am 17.08.1938 „arisiert“ – also unter Zwang an nichtjüdische Geschäftsleute verkauft – und der Anteil für 110.000 RM verkauft. Dies war ein Schleuderpreis, da die Firma allein 1938 einen Jahresumsatz von 728.000 Reichsmark erzielt hatte. Von dem Verkaufserlös erhielten die jüdischen Unternehmer nichts.

Am 16.11.1938 wurde gegen Julius Rosenberg und seine Schwester Rika eine Sicherungsanordnung erlassen. Dies bedeutete, dass die Geschwister nicht mehr frei über ihre Vermögenswerte verfügen konnten, denn das gesamte Vermögen wurde eingefroren.

Wenige Tage später musste Julius eine sogenannte „Taxationsliste“ für seinen Kunstbesitz abgeben, die bis heute im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden erhalten geblieben ist. Diese Taxationslisten wurden vom Fiskus gefordert, um einen Überblick über jüdisches Vermögen zu erhalten und die geplante Enteignung auf bürokratischem Wege vorzubereiten.

Auf seiner Liste führte Julius das Ölgemälde „Brand in Hattendorf“ von Hasselhorst mit einem Schätzpreis von 80 RM auf. Außerdem geht daraus hervor, dass er noch weitere Gemälde von Hasselhorst besaß, die aber alle bis zum heutigen Tag verschollen sind.

Auf der Grundlage seiner Vermögensanmeldung 1938 erhob das Finanzamt in Frankfurt die diskriminierende Judenvermögensabgabe in Höhe von 25% des gesamten Vermögens. Doch damit nicht genug, mussten die Geschwister Rosenberg zusätzlich auch befürchten deportiert zu werden. Rika nahm sich deshalb am 1. Juli 1942 im Alter von 80 Jahren das Leben. Gezwungenermaßen zog Julius nach dem Tod seiner Schwester am 03.08.1942 in eine kleinere Wohnung um.

Am 1.9.1942 wurde Julius Rosenberg im Alter von 72 Jahren von der Gestapo nach Theresienstadt deportiert und dort am 02.10.1942 ermordet. Sein restliches Vermögen wurde zugunsten des Deutschen Reiches am 08.10.1942 eingezogen.

Ab Juli 1942 waren jüdische Senioren gezwungen, einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ für die Unterbringung im Konzentrationslager Theresienstadt zu unterschreiben, für den sie je nach Alter erneut zwischen 25% und 80% ihres Vermögens abtreten mussten. Dabei wurde ihnen eine Unterbringung in einem angeblichen Altersheim vorgegaukelt. Tatsächlich aber wurden sie noch vor der Deportation in der jeweiligen Sammelstelle von der Gestapo und Finanzbeamten ausgeplündert. Schmuck, Barvermögen und Wohnungsschlüssel wurden ihnen abgenommen. Noch im Sammellager vor der Deportation erhielten sie den Bescheid, dass ihr Vermögen ausnahmslos dem Deutschen Reich zufallen werde.

Der Großteil der alten Menschen starb nach wenigen Wochen in Theresienstadt an Mangelernährung, unhygienischen Bedingungen, Kälte und Krankheit.

Julius Rosenbergs Neffen Jakob-Paul Rosenberg (1903-1971) und Karl Ferdinand Rosenberg (*20.12.1904) konnten 1937 nach Großbritannien fliehen, erhielten dort die britische Staatsbürgerschaft und gründeten im selben Jahr, zusammen mit ihrem Onkel Louis Rosenberg, in Padiham, Lancaster, eine Schleifwarenfabrik.

Nach 1945 strengten die Neffen ein Wiedergutmachungsverfahren an. Sie sagten im Verfahren aus, dass Julius Rosenberg seine Kunstsammlung noch zu Lebzeiten verkauft habe, der Erlös sei jedoch vollständig auf ein Sperrkonto eingezahlt worden. Die Neffen legten dem Gericht zum Beweis Fotos aus der Wohnung von Julius Rosenberg vor, die den Wert seiner Wohnungseinrichtung belegten. Der Hasselhorst ist dort leider nicht zu erkennen. Aber das Foto selbst ist ein Zeugnis der Emigration: Es ist vertikal zerrissen und horizontal geknickt. Wie wurde das Foto nach England transportiert? Wer weiß…

Kein einziges Gemälde dieser Sammlung wurde nach 1945 wiedergefunden oder an die Erben zurückgegeben.

Vermutlich hat das Gemälde „Brand in Hattendorf“ Frankfurt nie verlassen. In den 1980er Jahren tauchte es im Frankfurter Kunsthandel auf. Es wurde 1993 im Historischen Museum Frankfurt und im Jahr 2000 im Frankfurter Kongresshotel Arabella Sheraton öffentlich ausgestellt. 2006 erwarb es Bürgermeister Diestelmann aus dem Kunsthandel.

Nach der Abwahl des Bürgermeisters 2007 versuchte die Stadt Alsfeld in mehreren Prozessen, den Ankauf der Gemälde rückabzuwickeln. Der Ankauf war ohne Einbeziehung der städtischen Gremien und zu überhöhten Preisen erfolgt. Das Gemälde „Brand in Hattendorf“ war für 69.300€ erworben worden, hatte aber einen Wert von ca. 5.000€. Der Fall landete vor Gericht und endete in zwei Vergleichen. Die Stadt Alsfeld ist nun Eigentümerin des Gemäldes und übergab es 2007 als Dauerleihgabe dem Geschichts- und Museumsverein.