1942

Die Estherrolle aus Ladyschyn (Ukraine).

1942Geraubt in der Ukraine

Die Estherrolle erzählt die biblische Geschichte der jüdischen Königin Esther, die ihr Volk in Persien vor der vollständigen Vernichtung bewahrte. Sie wird zu einem fröhlichen jüdischen Fest, dem Purim-Fest, in der Synagoge verlesen.

Diese Esther-Rolle stammt aus Ladiczin (heute: Ladyschyn), West-Ukraine. Der Gefreite Ludwig Karl Birkenstock (*1904) fand die Rolle vor dem Haus des Schächters (ritueller Schlachter) auf einem Haufen mit anderen Ritualgegenständen und schickte sie von der Front nach Alsfeld. Dort traf sie 1942 im Museum ein und wurde inventarisiert. In Unkenntnis der hebräischen Sprache bezeichnete Birkenstock die Textrolle als “Versöhnungsgedicht”, dies habe ihm ein “Himmelskutscher” gesagt. Der Begriff “Himmelskutscher” hat mehrere Bedeutungen. Meist bezeichnete man damit Piloten, manchmal aber auch Geistliche oder Personen, die den Leichenwagen fuhren.

Der Museumsleiter Rausch forderte Birkenstock mehrfach auf, über seine Erlebnisse an der Front zu berichten und bedankte sich dafür mit Tabaksendungen.

Die jüdische Gemeinde in Ladyschyn zählte 1939 ca. 700 Personen. Der Ort wurde am 24. Juli 1941 von der Deutschen Wehrmacht besetzt, die am 13. September 1941 486 Juden erschoss. Zwei Tage später wurde das Gebiet von Rumänien besetzt und in den Verwaltungsbezirk (Rayon) der Region Transnistrien eingegliedert. Rumänien richtete dort ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter aus dem näheren Umfeld ein. Von diesen grausamen Vorgängen steht jedoch nichts in Birkenstocks Berichten. Seine Briefe befinden sich in der Sammlung des Geschichts- und Museumsvereins.