1938
Modell der Synagoge
1938Details zum Brand in der Synagoge, dem Zwangsverkauf und der Verwertung
In der Pogromnacht am 9. November 1938, in der die Nationalsozialisten mit Gewalt gegen jüdische Menschen im Deutschen Reich vorgingen, brannte die Alsfelder Synagoge, nachdem am Abend gegen 22 Uhr im Innenraum ein Feuer gelegt worden war.
In dieser Nacht spielte der SA-Mann Hermann Trips, eine entscheidende Rolle, denn er alarmierte durch einen anonymen Hinweis die Feuerwehr. Obwohl die Löscharbeiten sabotiert wurden, gelang es der Feuerwehr das Gebäude zu löschen. Zwar wurden die Bleifenster des Gebäudes zerschlagen, doch abgesehen davon wirkte es von außen wenig beschädigt. Das Innere hingegen war verwüstet und angekokelt, Bänke zerschlagen, Zubehör und Gebetbücher zerrissen. Die Einrichtung der Wohnung des Synagogendieners im 1. Stock wurde sogar völlig zerstört.
Danach zog der Mob durch die Straßen und griff jüdische Geschäftsleute an. Zwei Tage später wurden 8 jüdische Männer zwischen 18 und 65 Jahren ins Gefängnis gesteckt und mit einem Bus in das Konzentrationslager Klein-Buchenwald gebracht, wo sie zwei Wochen eingesperrt und misshandelt wurden. Die meisten kamen kurz vor Weihnachten wieder frei. Zu den Opfern gehörte auch Philipp Moses, der letzte Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Alsfeld.
Warum verhinderte der SA-Mann Hermann Trips in dieser Nacht die weitere Zerstörung der Synagoge? Er befand sich in einem Interessenkonflikt. Die Synagoge war 1905 mit Krediten der Bezirkssparkasse gebaut worden und 1938 lastete immer noch eine Hypothek in Höhe von 3.700 Reichsmark auf der Immobilie. Als SA-Mann mit antisemitischer Überzeugung begrüßte er das Pogrom, als Leiter der Bezirkssparkasse war er aber an der Sicherung der Hypothek interessiert. Sein Interesse galt dabei nur dem Gebäude du dem Grundstück, nicht aber dem Inventar der Synagoge.
Als Philipp Moses Ende 1938 aus dem Konzentrationslager Buchenwald zurückkehrte, brachte Hermann Trips ihn durch Erpressung dazu, die Synagoge der Bezirkssparkasse zu überschreiben. Er drohte ihm, es werde zu Silvester ein großes Feuerwerk geben, wenn er nicht unterschreibe. So wurden die Grundstücke der jüdischen Gemeinde am 29. Dezember 1938 unter Zwang der Bezirkssparkasse übertragen. Es handelte sich dabei um das Grundstück in der Lutherstraße 1 mit 830 qm, sowie eine Hofreite in der Blaupfütze 1 mit 237 qm. Die Grundstücke wurden zum Grundstückspreis von 3.700 Reichsmark (RM) übertragen, wobei die Gebäude überhaupt nicht bewertet wurden. Im Gegenzug wurde die noch bestehende Darlehensschuld gelöscht. Noch vor Genehmigung des Kaufvertrages durch die zuständige Behörde ließ die Bezirkssparkasse den Hauptteil der Synagoge abreißen. Der verbliebene Teil des Gebäudes, in dem der Synagogendiener gewohnt hatte, wurde in ein Mehrfamilienhaus umgebaut. Dazu investierte die Bezirkssparkasse etwa 35.000 RM, erzielte aber in den folgenden Jahren Mieteinnahmen und verwertete das Abbruchmaterial der Synagoge. Holz und Steine wurden teils beim Umbau des Mehrfamilienhauses verwendet, teils an die Bevölkerung verkauft. Das verbleibende Inventar der Synagoge übergab sie Anfang 1939 dem Geschichts- und Museumsverein.
Philipp Moses verließ Alsfeld und wurde am 22.04.1942 von Düsseldorf nach Izbica deportiert. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt, aber 1945 wurde er für tot erklärt.
Sein Sohn Manfred Moses (1922-2010) konnte sich nach Großbritannien retten und benannte sich dort in Michael Maynard um. Seine Erinnerungen an seine Jugend in Hessen geben wertvolle Einblicke in das Alltagsleben der jüdischen Bevölkerung in der Zeit des Nationalsozialismus. Zur Zeit des Brandes war er zwar nicht in Alsfeld, wurde aber zur gleichen Zeit verhaftet und traf im Konzentrationslager Buchenwald mit seinem Vater zusammen, der ihm die Vorgänge in Alsfeld schilderte. Wir haben hier also einen Bericht aus zweiter Hand, der jedoch mit anderen Zeitzeugenberichten übereinstimmt.
Der frühere Vorstandsvorsitzende des Geschichts- und Museumsvereins, Heinrich Dittmar (1934-2014) nahm Kontakt zu Manfred Moses / Michael Maynard auf und tauschte sich mit ihm in den Jahren 2001-2002 aus. Dittmars Nachlass, der auch diese Korrespondenz enthält, befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt.
Als weiterer Zeitzeuge erfuhr der damalige Museumsleiter Karl Rausch (1879-1976) am 10.11.1938 von den Vorgängen und eilte mit einem Mitarbeiter zur Synagoge. Zusammen gelang es ihnen, den Thoraschrank zu öffnen und die Kultgegenstände zu bergen. Sie brachten sie in einem Korb ins Museum und versteckten sie dort in einer alten Eichentruhe aus dem Jahr 1617. Weitere Gegenstände aus der Synagoge gelangten jedoch erst im Zuge des Abrisses in das Museum. Am 25.01.1939 erhielt Karl Rausch von der Bezirkssparkasse Alsfeld den Uhrenschrank, den Thoraschrank, die Thorarolle, zwei Decken und Gemeindebücher als „Spende“. Im März 1940 erhielt das Museum von der Bezirkssparkasse noch den Davidstern vom Dach der Synagoge.
Nach 1945 erzählte Rausch wiederholt die Geschichte der „Rettung“ dieser Gegenstände. Die Rolle der Bezirkssparkasse in Alsfeld beim Zwangsverkauf und der Verwertung der Synagoge wurde dagegen verschwiegen oder kaschiert.
1939 hätte das Museum einen Teil der geretteten Objekte jedoch fast noch verloren. Laut einer Verordnung am 21.02.1939 mussten jüdische Eigentümer Objekte aus Gold, Silber oder Platin an die zuständige Städtische Darlehensanstalt in Frankfurt abgeben. Ziel der Aktion war es, Edelmetalle für Kriegszwecke einzuschmelzen. Die Verordnung galt auch für die Judaica im Museum in Alsfeld. Unter den von Museumsverwalter Karl Rausch geborgenen Kultgegenständen befanden sich auch Objekte aus Edelmetallen, die er im Sommer 1939 an das Finanzamt in Alsfeld abführen musste. Rausch lieferte 18 silberne Ritualgegenstände mit einem Gewicht von 4,55 kg ab. Die Städtische Darlehensanstalt bewertete Edelmetalle lediglich nach dem Rohmetallwert, selbst wenn es sich um kulturhistorisch wertvolle Objekte handelte.
Die eingelieferten Objekte aus Alsfeld wurden so mit einem Materialwert von 273 RM bewertet. Unter Hinweis auf die Gemeinnützigkeit des Museums gelang es Rausch, diese Gegenstände im selben Jahr vor dem Einschmelzen zu bewahren und zum ermäßigten Preis von 200 RM für das Museum zurückzukaufen. Der Betrag kam durch zwei Spenden zusammen, deren Geber allerdings unbekannt sind. Zusätzlich erhielt das Museum von der Städtischen Darlehensanstalt 6 rituelle Gegenstände aus Blech, die für die Darlehensanstalt wertlos waren.