1930

Das Synagogenkästchen aus der Synagoge in Alsfeld mit den Namenslisten der jüdischen Gemeindemitglieder.

1930Das Synagogenkästchen als Zeitzeuge

Das Kästchen aus der Synagoge in Alsfeld hat Seltenheitswert. In ganz Deutschland ist kein weiteres Kästchen dieser Art bekannt, weder in den Synagogen noch in öffentlichen Museen. In der Alsfelder Synagoge hing es vermutlich im Vorraum. Seine Funktion kann man aufgrund der Beschriftung erschließen.

Wir sehen hier ein Kästchen mit sieben Spalten, in denen die Namen zahlreicher jüdischer Gemeindemitglieder aus Alsfeld aufgelistet sind. Da es sich um eine orthodoxe Gemeinde handelte, sind nur die Namen von Männern aufgeführt.

Im Hebräischen liest man von rechts nach links, so ist auch diese Liste zu verstehen. In der oberen Zeile finden sich auf Hebräisch die Oberbegriffe „Cohen“ (1. Spalte), „Leviten“ (2. Spalte) und „Israeliten“ (3.-7. Spalte), das heißt die Gemeindemitglieder wurden in verschiedene Gruppen* eingeteilt, die auf ihrer Abstammung beruhten. Um den Überblick zu behalten, wer welche Aufgaben hat, wurden vermutlich Stäbchen mit den Namen der Anwesenden im Kästchen verteilt und die entsprechenden Personen dann aufgerufen.

Dem Kästchen sieht man die Schäden an, sei es durch den Brand oder den Wasserschaden im November 1938. Auch das Alter hat der Tinte mittlerweile zugesetzt. So sind viele Namen nicht mehr lesbar. Glücklicherweise befindet sich im Nachlass von Heinrich Dittmar (1934-2014) eine Fotokopie des Kästchens aus den 1980er Jahren. Dort sind noch einige Namen mehr erkennbar und konnten daher auf der Namensliste in der Vitrine ergänzt werden. Die Tatsache, dass die Liste von rechts nach links geführt wurde, ergibt sich auch aus den biografischen Daten, die zu den Namen ermittelt werden konnten. Die Angehörigen der Israeliten werden – nach links gelesen – immer jünger.

Zugleich ist das Kästchen ein bedeutender Zeitzeuge, denn die Namensliste wurde bis in die 1930er Jahre geführt. Außerdem sind auch durchgestrichene Namen zu sehen. Dabei handelt es sich um Personen, die in den 1930er Jahren aus Alsfeld wegzogen oder sogar ganz aus dem Deutschen Reich emigrierten.

* Warum gab es unterschiedliche Gruppen? Die Cohen und die Leviten hatten innerhalb des jüdischen Ritus bestimmte Funktionen und Privilegien. Die Kohanim (Cohen) stammen von den Priestern im Jerusalemer Tempel ab, dürfen aus der Thora vorlesen und einen bestimmten Segen sprechen. Daher sind auf ihren Grabsteinen häufig segnende Hände zu sehen. Die Leviten stammen von den Tempeldienern in Jerusalem ab, die den Priestern im Tempel assistierten. Sie haben nach den Kohanim das Privileg, aus der Thora vorlesen zu dürfen. Ihre Grabmäler sind oft mit einer Levitenkanne verziert, da sie im Tempel von Jerusalem den Priestern Wasser zum Händewaschen reichten. Auch auf dem jüdischen Friedhof in Alsfeld findet man noch Grabsteine mit dem Symbol der segnenden Hände.