1928

Carl Bantzer (1857-1941): Rosenpflückendes Mädchen, signiert und datiert 1928.

1928Der Weg einer jungen Dame

Die Herkunft dieses Gemäldes wurde näher untersucht, weil es einen Anfangsverdacht gab. Das Gemälde stellt eine Studie zu einem größeren Gemälde dar, das sich im Rathaus in Marburg befindet. Das Marburger Gemälde trägt den Titel „Der Weg des Lebens“. Es wurde 1926 von der Marburger Bankiersfamilie Strauß in Auftrag gegeben. Die Familie Strauß war jüdischer Herkunft und wurde in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und enteignet. Deshalb stand der Verdacht im Raum, dass diese Studie ebenfalls im Besitz der Familie Strauß gewesen ist. Die Recherchen haben jedoch ergeben, dass die Provenienz dieses Gemäldes unproblematisch ist.

Der Maler Carl Bantzer (1857-1941) gehörte zu jenen Künstlern, die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts Land und Leute der Schwalm für sich entdeckten und in ihren Werken abbildeten. Er lebte seit den 1920er Jahren in Marburg. Zu den beliebten Motiven gehörten vor allem Landschaften, Porträts von Schwälmer Bauern, ihre Trachten sowie die Feste in der Schwalm. Auch die Werke von Heinrich Hasselhorst und Herbert Arnold, die Sie in diesem Raum sehen, gehören zu dieser Künstler-Bewegung.

Das Gemälde „Der Lauf des Lebens“ zeigt die verschiedenen Lebensalter von Mann und Frau in ihren Rollenbildern der damaligen Zeit. Das „Rosenpflückende Mädchen“ befindet sich am äußersten rechten Bildrand und zeigt ein junges Mädchen, das einen Rosenbusch betrachtet und eine Rose als Symbol der (ersten) Liebe in der Hand hält.

Das „Rosenpflückende Mädchen“ gehörte dem Kasseler Bankier Dr. Ludwig Pfeiffer (1881-1948), der mit Carl Bantzer befreundet war. Bantzer war von 1918-1923 Leiter der Kunstakademie in Kassel und lernte den Bankier dort kennen, zeitweise wohnte er sogar bei ihm.

Pfeiffer unterstützte ihn und die Akademie in dieser Zeit auch finanziell. Beide Männer gehörten zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Willingshäuser Malerstübchen“, das als Treffpunkt für auswärtige Maler diente, die in der Schwalm nach Motiven für ihre Werke suchten.

In der Zeit des Nationalsozialismus galt Pfeiffer aus politischen Gründen als „unerwünschte Person“ und musste von allen seinen Ämtern zurücktreten. Während des Zweiten Weltkrieges wurde seine Kunstsammlung nach Bad Wildungen ab 1939/1940 ausgelagert. Dort hatte man mitten in der Stadt 15 Bunker für die Luftwaffe gebaut, die äußerlich als normale Wohnhäuser getarnt waren. Die Luftwaffe zog jedoch hier nicht mehr ein. Stattdessen wurden die Bunker zum Schutz der Bevölkerung und zur Sicherung von Kunstschätzen vor den Luftangriffen genutzt. Zu den ausgelagerten Werken gehörte auch dieses Bild.

Nach Pfeiffers Tod 1948 erbte sein Sohn das Bild, der es von 1952-1980 als Dauerleihgabe der Städtischen Kunstsammlung in Kassel überließ. Deren Bestände wurden 1976 mit den Staatlichen Kunstsammlungen Kassel zusammengelegt. Das Gemälde gelangte 1980 von dort in Marburger Privatbesitz und wurde im Mai 1990 auf einer Auktion bei Karl & Faber in München zu einem Schätzwert von 25.000-30.000 DM angeboten.

1995 taucht das Gemälde im Nachlass Elisabeth Schulz in Alsfeld wieder auf. Die ehemalige Lehrerin Elisabeth Schulz (1912-2006), wohnhaft in der Goethestraße 14, sammelte Schwälmer Kunst und beschloss, ihre Sammlung der Stadt Alsfeld zu vermachen unter der Bedingung, dass die Stadt Alsfeld nach ihrem Tod ein „Schulz-Museum“ mit Schwälmer Kunst in der Sackgasse errichten würde. Im Gegenzug erhielt sie zwei städtische Grundstücke. Der Magistrat der Stadt Alsfeld gab hierzu seine Zustimmung. Zu den gestifteten Gemälden gehörte das „Rosenpflückende Mädchen“.

Nach ihrem Tod 2006 ließ der Bürgermeister Herbert Diestelmann ihr Haus räumen und übergab dieses Gemälde als Leihgabe der Kooperativen Gesamtschule Carl Bantzer Schule in Schwalmstadt-Ziegenhain. Zur Gründung des Schulz-Museums kam es jedoch nicht mehr. Dies hatte mehrere Gründe: Erstens musste Herbert Diestelmann 2007 zurücktreten und wurde 2009 wegen Untreue in 15 Fällen angeklagt; der Umgang mit dem Nachlass Schulz spielte dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Zweitens kam es zu Erbstreitigkeiten mit den beiden Kindern und der als Erbe eingesetzten Stiftung Pommersches Landesmuseum in Greifswald. Und drittens war der städtische Haushalt so in Schieflage geraten, dass man sich in Alsfeld kein neues Museum mehr leisten konnte. In einem Vergleich einigten sich die Erben und die Stadt Alsfeld darauf, auf gegenseitige Ansprüche zu verzichten. Am Bau des „Schulz-Museums“ bestand seitens der Stadt Alsfeld kein Interesse mehr. Das Gemälde wurde 2010 dem Geschichts- und Museumsverein als Dauerleihgabe der Stadt Alsfeld übergeben.