1558
„Scharfrichterbibel“, gedruckt von Hans Lufft, aus dem ehemaligen Besitz der Scharfrichterfamilie Hamel
1558Die Scharfrichterbibel – ein bedeutendes Druckerzeugnis aus der frühen Neuzeit
Keine ganz „normale“ Bibel, die in Wittenberg im Jahre 1558 von Hans Lufft, der aufgrund der Menge seiner Druckerzeugnisse aus der Reformationszeit „der Bibeldrucker“ genannt wurde, gedruckt wurde und hier ausgestellt ist.
Die großformatige, mit ausdrucksstarken Holzschnitten illustrierte Bibelausgabe – Titel: „Die gantze Heilige Schrifft: Deudsch“ – verfügt für Alsfeld über eine besondere Provenienz und Bedeutung: Ab dem Jahr 1643 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war sie im Besitz der Alsfelder Scharfrichterfamilie Hamel und wurde von ihren Besitzern mit einer ganzen Reihe von handschriftlichen Anmerkungen versehen. Es finden sich Geburtseintragungen, Sterbeeinträge und Nachrufe, aber auch die Dokumentation einer beobachteten Naturerscheinung (eines Kometen) und sogar die Beschreibung einer Hinrichtung.
Da die Scharfrichter als Vollstrecker von Folter und Todesurteilen nicht nur wenig angesehen waren, sondern sogar als „unehrlich“ galten, stehen diese ungewöhnlichen handschriftlichen Eintragungen in einem frühen Werk der deutschen Buchdruckgeschichte einerseits stellvertretend für das Leben einer ausgegrenzten kleinen Gruppe innerhalb der städtischen Bevölkerung, andererseits aber auch für die Bedeutung dieses Druckerzeugnisses der frühen Neuzeit, denn des „Bibeldruckers“ Werk bietet mit seinen handschriftlichen Eintragungen der Scharfrichterfamilie Hamel einen Einblick in die Alsfelder Stadtgeschichte über einen Zeitraum von 250 Jahren. (MNic)